Behavioral Finance & Börsenpsychologie

Behavioral Finance

 
Behavioral Finance (Verhaltensorientierte Finanzmarkttheorie) beschäftigt sich mit der Psychologie der Anleger. Als Reaktion auf die Unvollständigkeit sowohl der Fundamental- als auch der technischen Analyse bei der Erklärung von Kursschwankungen an der Börse ist dieser finanzwissenschaftliche Ansatz ca. Anfang der 1980er Jahre entstanden. Im Mittelpunkt des Interesses stehen die typischen Verhaltensweisen der Börsianer. Kurz gesagt geht es darum aufzuzeigen, wie Anlageentscheidungen tatsächlich zustande kommen.Behavioral Finance ist ein Teilgebiet der Behavioral Economics (Verhaltensökonomie), die traditionelle wirtschaftswissenschaftliche Untersuchungsmethoden mit Methoden der Psychologie verbindet.

Die gewonnenen Erkenntnisse zeigen, dass die Marktteilnehmer Entscheidungen, und damit auch Anlageentscheidungen, aufgrund von psychologischen und neuronalen Einflüssen sowie Gefühlen treffen. Somit widersprechen sie der häufig vertretenen These (Markteffizienzhypothese), wonach die Anleger immer alles wissen, effizient und rational handeln.

Mit dem damit einhergehenden Fallenlassen der Annahme des nutzenmaximierenden Homo oeconomicus wird der klassischen Finanzmarkttheorie einer ihrer Grundpfeiler entzogen.

Die Behavioral Finance zeigt, dass Entscheidungen im Alltag eher heuristisch geprägt sind. D. h., dass die Fülle an Informationen auf das scheinbar Wesentliche reduziert wird und Erfahrungswerte oder Faustregeln verwendet werden, um zu Entscheidungen zu gelangen.

Dabei zeigt sich die ganze Schwäche des menschlichen Wesens, wenn kognitive und emotionale Verzerrungen zu Entscheidungen führen, die von dem abweichen, was rational gesehen, eigentlich angemessen wäre.

Einzeln oder in Kombination führen kognitive und emotionale Verzerrungen zu bestimmten Verhaltensweisen, die sich als folgende Phänomene in den Entscheidungen der Anleger zeigen:
 
Herdentrieb: Man schwimmt mit der Masse – die eigene Willensbildung wird von Dritten beeinflusst

Dispositionseffekt: Anleger neigen dazu Gewinne zu begrenzen und Verluste laufen zu lassen

Home Bias: Investoren vertrauen stärker auf heimische Titel, anstatt ihr Portfolio international zu streuen

Overconfidance Bias: Anleger überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten

 

Kognitive Verzerrungen

 
Ursache für kognitive Verzerrungen sind unterbewusst stattfindende, mentale Vorgänge die zu Fehlern bei der Informationsverarbeitung führen oder falsche Schlüsse aufgrund der fehleranfälligen, menschlichen Denkweise. Die Behavioral Finance hat u.a. folgende kognitive Verzerrungen herausgearbeitet:

Konservatismus
Bestehende Sichtweisen, z. B. Prognosen, werden nicht verändert, obwohl neue Informationen verfügbar sind, weil deren Verarbeitung als zu aufwendig oder der Gehalt als zu banal angesehen wird.

Bestätigung
Selektive Wahrnehmung – Es wird gezielt nach Informationen gesucht, die die bestehenden Ansichten bestätigen. So werden aus einer Vielzahl von Informationen vorwiegend die Informationen wahrgenommen, die zu den eigenen Vorstellungen bzw. Meinungen passen, widersprüchliche Informationen, werden vernachlässigt oder sogar verdrängt.

Repräsentativität  
oder Schubladendenken, worunter auch Recency, das Fortschreiben der jüngsten Vergangenheit, fällt. Durch die Tendenz, wirtschaftliche Zusammenhänge zu trennen und zu vereinfachen ordnet der Mensch neue Informationen in ihm bekannte Kategorien ein. Bei der Auswertung der Kategorien nimmt er diese unsachgemäß als repräsentativ an, so dass neue Informationen oft ein zu hohes Gewicht bei einer Entscheidung beigemessen wird. Oder gleich wichtige Informationen unterschiedlich bewertet werden. Meistens sind die Informationskategorien nämlich nicht repräsentativ. Zum Beispiel werden Aktien, die gerade in Mode sind, weil sie eine starke Rally hingelegt haben, irrtümlich gerne als generell gute Aktien kategorisiert.

Kontrollillusion
ist die fälschliche Annahme, dass man als Wertpapierbesitzer die Entwicklung seiner Investments steuern könnte. Das führt dazu, dass mehr gehandelt wird, als sinnvoll ist (hin und her macht Taschen leer) und dass das Portfolio schlecht diversifiziert ist.

Rückblick
Beim Blick auf die Vergangenheit hat der Mensch eine verzerrte Wahrnehmung. Z. B. weiß jeder, dass man mit Aktien von Coca-Cola oder Microsoft reich werden konnte, wenn man diese zum richtigen Zeitpunkt gekauft hat. Dass man zum jeweiligen Zeitpunkt aber auch Aktien von unzähligen anderen Unternehmen hätte kaufen können, von denen heute keiner mehr spricht, weil sie pleite sind, wird ignoriert. In der Rückschau sehen wir nur die wenigen Gewinner. Konsequenz ist, dass Anleger das Ausmaß, in dem sie selbst Ereignisse, wie die genannten, hätten vorhersagen können, systematisch überschätzen.

Ankern und Anpassen
Wenn Menschen schätzen, ist das Ergebnis abhängig von Ankerpunkten. Menschen neigen bei der Informationsverarbeitung dazu, über relative Vergleiche zu ihren Schlussfolgerungen zu gelangen. Das bedeutet, dass sie eine Ausgangsbasis (den Ankerpunkt) haben, die sie bei neuen Informationen anpassen. Was gar nicht so verkehrt klingt, führt jedoch dazu, dass bei Entscheidungen der alte Referenzpunkt zu großen Einfluss bekommt, anstatt dass eine vielleicht angebrachte vollständige Neubewertung der Situation durchgeführt wird.

Mentale Buchführung
wird es genannt, wenn man sein Vermögen auf mentale Töpfe aufteilt. Z. B. in „Wohnen“, „Transport“ und „Altervorsorge“. Das führt dazu, dass gleich große Geldbeträge unterschiedlich behandelt werden, je nachdem, welchem Topf sie zugeordnet sind.

Rahmendenken
Zwischen der Einordnung von Informationen und der Art sowie dem Umfeld ihrer Wahrnehmung besteht ein Zusammenhang. D. h., dass die Form, in welcher Menschen eine Frage gestellt oder eine Entscheidungssituation bzw. ein Problem präsentiert wird, Einfluss darauf hat, wie diese beantwortet bzw. gelöst wird. Wenn jemandem z. B. zwei Aktien mit identischer Chance-Risiko-Struktur angeboten werden und er die Information erhält, dass Aktie A eine 70 % Chance hat zu steigen und Aktie B eine 30 % Chance hat zu fallen, wird die Person vermutlich Aktie A wählen. Je nachdem in welchem Rahmen die Frage gestellt wird, verändert dies die Risikobereitschaft.

Verfügbarkeit
Menschen basieren ihre Entscheidungen auf Informationen. Dabei spielt die Verfügbarkeit der Informationen eine Rolle. Das bedeutet, dass Informationen mit einem hohen (subjektiven) Verfügbarkeitsgrad überbewertet werden. Zu solchen gehören etwa aktuelle, leicht zugängliche, besonders auffällige und leicht verständliche Informationen. Außerdem haben die Erfahrungen und Kenntnisse einer Person einen Einfluss auf die Verfügbarkeit einer Information, da sie bestimmen, was die Person für relevant hält. Der Verfügbarkeit ist es auch geschuldet, dass ältere Informationen weniger auf das Entscheidungsverhalten wirken, als vom Gehalt her gleichwertige, neuere Infos.
 

Emotionale Verzerrungen

 
Emotionale Verzerrungen entstehen aus Impulsen oder Intuitionen heraus und führen, auf Gefühlen basierend, zu falschen Entscheidungen. Es gibt u.a. folgende emotionale Verzerrungen:

Verlustaversion
sorgt dafür, dass Anleger Verluste bzw. Risiken vermeiden. Dieses Verhalten ist darauf zurückzuführen, dass Anleger Gewinne und Verluste identischer Größenordnung unterschiedlich bewerten, genauso wie die Wahrscheinlichkeiten für identische Gewinne und Verluste. Daher neigen Anleger auch dazu die Realisierung von Verlusten zu vermeiden, denn das bedeutet ja das Eingeständnis einer Niederlage. Weil sie Verluste aussitzen wollen, halten sie stattdessen an „Verlierern“ fest und verkaufen oftmals „Gewinner“ zu früh (aus Angst, den Gewinn wieder zu verlieren). Für die Rendite ist es jedoch positiv, wenn man „Verluste begrenzt und Gewinne laufen lässt“.

Selbstüberschätzung (Overconfidence)
Ganz schlicht überschätzen Anleger systematisch ihr Anlage-Know-how. Eine Aussage, die das gut veranschaulicht ist, dass sich 80% der Börsianer für überdurchschnittliche Anleger halten. Das geht schon allein mathematisch nicht ;-). Da Frauen eine bessere Gabe der Selbstreflektion haben, sind sie häufig auch bessere Anleger als Männer.

Selbstdisziplin
bzw. ein Mangel daran ist dadurch gekennzeichnet, dass langfristige Ziele (Altersvorsorge) nicht erreicht werden, weil kurzfristige Befriedigungen (Urlaub) vorgezogen werden.

Status Quo
Menschen sind bequem. Tendenziell sind sie Veränderungen gegenüber skeptisch, so dass sie lieber den momentanen Zustand der Dinge beibehalten, selbst wenn die Alternative objektiv (noch) besser wäre. Für die Geldanlage heißt das, dass Wertpapiere zum Teil einfach aus Trägheit gehalten werden und nicht, weil es rationalen begründet sinnvoll ist.

Emotionale Bindung
Dinge, die eine Person besitzt, genießen eine höhere Wertschätzung als Dinge, die der Person nicht gehören. Bei Aktien kann eine solche emotionale Bindung, aus welchen Gründen auch immer (Aktien geerbt oder gute Gewinne mit ihnen erzielt), dazu führen, dass diese auch dann nicht verkauft werden, wenn es aus Gründen der Risikoallokation angebracht wäre.

Angst vor Verlusten (Regret) oder die Furcht zu bereuen
Menschen fürchten sich davor, die falschen Entscheidungen zu treffen und bevorzugen es dann, ähnlich wie beim oben genannten Status quo, lieber gar nichts zu machen. Bei der Geldanlage kann das bedeuten lieber nichts zu machen, weil ja der Wert einer Anlage auch sinken könnte. Umgekehrt fürchten sich Anleger davor zu bereuen, eine gute Gelegenheit verpasst zu haben und kaufen vorschnell.
 

Börsenpsychologie

 
Dies sind alles sehr wertvolle Erkenntnisse der Behavioral Finance. Bisher taugen sie jedoch auch nicht dazu, die Kursschwankungen an den Börsen vollständig zu erklären und somit überdurchschnittliche Anlageerfolge zu ermöglichen. Behavioral Finance eignet sich allerdings gut dazu, das Verhalten von Anlegern zu analysieren und so Anlagefehler zu identifizieren, durch deren Vermeidung man zu einem besseren Investor wird.

Und wie das genau geht, damit beschäftigt sich die sehr gut im Internet dokumentierte Börsenpsychologie. Zu diesem Thema habe ich folgende Linkliste zusammengestellt.

Dazu noch eine Anmerkung: viele Ratschläge der Börsenpsychologie laufen darauf hinaus, dass der Mensch von seinem Wesen her nicht gut als Anleger geeignet ist und daher kontinuierlich versuchen muss, sich selbst zu überlisten, um seine eigene Unvollkommenheit zu kompensieren. Diesbezüglich eine erfolgversprechende Taktik ist es, einen regelbasierten Investmentstil zu wählen und konsequent umzusetzen. Die einfachste Variante eines solchen ist regelmäßiges automatisiertes Sparen, wie bei einem ETF-Sparplan. Darauf laufen im übrigen auch viele der Empfehlungen in den genannten Quellen hinaus.
 

Quellen

 
Behavioral Finance

Definition der boerse-muenchen.de

Definition von faz.net

Ausführliche Definition bei daswirtschaftslexikon.com

Gut verständlich, sehr umfassend mit Beispielen und Verweisen auf Börsenpsychologie; generell interessante Seite anlegercampus.net
 
Börsenpsychologie

ARD Börse mit einer Artikelserie zu Anlegerfehlern boerse.ard.de

Artikel von Dr. Mara Grunewald vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln: Sieben typische Fehler bei der Geldanlage – Lösungsansätze der Behavioral Finance (pdf)
 
Artikelserie von Norbert Betz, Leiter der Handelsüberwachung an der Börse München

Psychofalle Emotionen an der Börse

Psychofalle Kein Plan beim Handeln

Psychofalle Nachkaufen

Psychofalle Selbstüberschätzung

Psychofalle Wahrnehmung kommt nicht von wahr

Psychofalle Harmoniestreben

Psychofalle Chancenfixierung

Psychofalle Heimattreue
 

Quelle: boerse-stuttgart.de

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